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Agentic AI, Prozesse und Führung
Rainer Kolm5 Minuten Lesezeit

Agentic AI, Prozesse und Führung - Wie alles noch schneller noch schlimmer wird

Agentic AI, Prozesse und Führung - Wie alles noch schneller noch schlimmer wird
8:50

Eine unbequeme Wahrheit über die KI-Revolution im Management

Die Versprechen sind verlockend: Agentic AI – also KI-Systeme, die autonom Aufgaben erledigen, Entscheidungen treffen und komplexe Prozesse steuern – soll Unternehmen schneller, effizienter und wettbewerbsfähiger machen. Doch während wir uns in der Euphorie der technologischen Revolution verlieren, übersehen wir eine unbequeme Wahrheit: Viele Organisationen sind dabei, ihre strukturellen Probleme nicht zu lösen, sondern sie zu automatisieren und zu beschleunigen. Das Ergebnis? Alles wird noch schneller schlimmer.

Die Illusion der Effizienz

Unternehmen stürzen sich auf Agentic AI wie auf einen Rettungsanker. Die Technologie verspricht, repetitive Aufgaben zu übernehmen, Prozesse zu optimieren und Führungskräfte von operativen Details zu befreien. Doch hier liegt das erste fundamentale Missverständnis: Effizienz ist nicht dasselbe wie Wirksamkeit.

Wenn ein Prozess grundsätzlich fehlerhaft ist – weil er auf falschen Annahmen basiert, die falschen Ziele verfolgt oder die falschen Menschen einbezieht – dann macht ihn Automatisierung nicht besser. Sie macht ihn nur schneller. Eine fehlerhafte Entscheidung, die früher Tage dauerte, wird nun in Sekunden getroffen. Ein dysfunktionaler Workflow, der vorher wenigstens durch menschliche Intervention gelegentlich korrigiert wurde, läuft jetzt vollautomatisch gegen die Wand.

Das Beispiel der automatisierten Personalabteilung

Nehmen wir die HR-Abteilung: Viele Unternehmen setzen bereits AI-Agents ein, um Bewerbungen zu screenen, Vorstellungsgespräche zu führen und sogar Kündigungen vorzubereiten. Klingt effizient. Doch wenn die zugrundeliegenden Kriterien für "gute Kandidaten" auf veralteten Vorstellungen, unbewussten Vorurteilen oder schlicht falschen Prioritäten basieren, dann produziert die AI nicht bessere Einstellungen – sie produziert schneller schlechtere.

Führung auf Autopilot: Die Entmenschlichung der Entscheidungsfindung

Die zweite große Gefahr liegt in der Versuchung, Führungsverantwortung an Algorithmen zu delegieren. Agentic AI kann Daten analysieren, Muster erkennen und Empfehlungen aussprechen – aber sie kann nicht die nuancierten, kontextabhängigen und ethischen Überlegungen anstellen, die echte Führung erfordert?

Was passiert, wenn Führungskräfte aufhören zu führen?

In vielen Organisationen beobachten wir bereits ein beunruhigendes Phänomen: Manager verlassen sich zunehmend auf AI-generierte Dashboards, Berichte und Handlungsempfehlungen, ohne die zugrundeliegenden Annahmen zu hinterfragen. Die AI sagt: "Abteilung X ist 15% weniger produktiv" – also werden Maßnahmen ergriffen. Doch niemand fragt mehr: Was bedeutet "Produktivität" überhaupt in diesem Kontext? Messen wir die richtigen Dinge? Gibt es externe Faktoren, die die Zahlen verzerren?

Führung reduziert sich auf das Abnicken von AI-Vorschlägen. Der kritische Dialog, das Infragestellen, die menschliche Intuition – all das verschwindet. Zurück bleibt eine Führungsschicht, die glaubt zu steuern, während sie in Wahrheit nur noch Befehle weiterleitet.

Prozesse ohne Sinn: Die Bürokratie 2.0

Ein weiteres Problem: Viele Unternehmen digitalisieren und automatisieren ihre bestehenden Prozesse, ohne sie zu überdenken. Das Ergebnis ist das, was Experten "digitale Bürokratie" nennen – Prozesse, die unnötig komplex, starr und realitätsfern sind, nur jetzt mit KI-Unterstützung.

Der Genehmigungswahnsinn in Hochgeschwindigkeit

Früher musste ein Antrag auf Investitionsbudget durch fünf Instanzen, was Wochen dauerte. Mit Agentic AI dauert es jetzt nur noch Stunden – aber die fünf Instanzen sind immer noch da, sie sind nur automatisiert. Der Prozess ist nicht besser geworden, er ist nur schneller. Die eigentliche Frage – "Brauchen wir diese fünf Genehmigungsstufen überhaupt?" – wird nie gestellt.

Schlimmer noch: Weil alles so schnell geht, entsteht die Illusion von Agilität. Manager denken, sie seien dynamisch und reaktionsschnell, während sie in Wahrheit nur ineffiziente Strukturen auf Hochtouren laufen lassen.

Die Feedback-Schleife des Scheiterns

Das Perfide an dieser Entwicklung: Sie ist selbstverstärkend. Wenn Prozesse automatisiert werden, steigt zunächst die Geschwindigkeit. Das fühlt sich gut an, führt zu positiven Berichten und weiteren Investitionen in AI. Doch die strukturellen Probleme – schlechte Kommunikation, unklare Verantwortlichkeiten, toxische Unternehmenskultur – bleiben bestehen.

Mit der Zeit werden die Konsequenzen dieser Probleme immer gravierender, weil sie sich schneller akkumulieren. Ein Mitarbeiter, der sich übergangen fühlt, wird nicht mehr von einem menschlichen Vorgesetzten angehört, sondern erhält eine automatisierte Response. Kundenprobleme werden von Bots bearbeitet, die die Nuancen nicht verstehen. Strategische Fehlentscheidungen werden schneller umgesetzt, bevor jemand Zeit hat, sie zu korrigieren.

Das Ergebnis: Eine Abwärtsspirale, in der Unzufriedenheit, Fehler und Fehlentscheidungen exponentiell wachsen.

Die unsichtbare Kontrollillusion

Agentic AI erzeugt eine gefährliche Illusion: die Illusion der Kontrolle. Dashboards zeigen uns in Echtzeit, was passiert. KPIs werden lückenlos getrackt. Prozesse sind transparent dokumentiert. Alles scheint unter Kontrolle.

Doch in Wahrheit haben wir die Kontrolle abgegeben – an Algorithmen, die wir nicht vollständig verstehen, deren Entscheidungslogik für uns intransparent ist und die auf Datengrundlagen operieren, die möglicherweise fehlerhaft oder verzerrt sind.

Das Black-Box-Problem

Die meisten Führungskräfte können nicht erklären, wie ihre AI-Systeme zu bestimmten Empfehlungen kommen. Sie verlassen sich darauf, dass "die AI es schon richtig macht". Doch wenn etwas schiefgeht – und das wird es unweigerlich – steht man ratlos da. Der Algorithmus hat entschieden, niemand versteht genau warum, und die Konsequenzen sind bereits eingetreten.

Was wir wirklich brauchen: Langsamer, kritischer, menschlicher

Die Lösung ist nicht, Agentic AI zu verteufeln oder abzulehnen. Die Technologie bietet enorme Potenziale. Aber wir müssen unsere Herangehensweise fundamental ändern:

1. Prozesse vor der Automatisierung überdenken

Bevor ein Prozess automatisiert wird, muss die Frage gestellt werden: Ist dieser Prozess überhaupt sinnvoll? Dient er unserem eigentlichen Ziel? Können wir ihn vereinfachen oder ganz eliminieren?

2. Führung darf nicht delegiert werden

Agentic AI sollte ein Werkzeug für Entscheidungsunterstützung sein, nicht der Entscheider selbst. Führungskräfte müssen in der Lage und bereit sein, AI-Empfehlungen kritisch zu hinterfragen und von ihnen abzuweichen, wenn menschliche Expertise und Intuition andere Wege nahelegen.

3. Transparenz als Grundprinzip

Wenn wir AI-Systeme einsetzen, müssen wir verstehen, wie sie funktionieren. Black-Box-Algorithmen in kritischen Entscheidungsprozessen sind inakzeptabel. Wir brauchen Explainable AI – Systeme, die ihre Entscheidungen nachvollziehbar machen.

4. Langsamkeit als Tugend

Nicht alles muss schneller werden. Manche Entscheidungen erfordern Zeit, Reflexion und menschlichen Austausch. Die Geschwindigkeit der Technologie darf uns nicht dazu verleiten, wichtige Denk- und Diskussionsprozesse zu überspringen.

5. Kultur vor Technologie

Die beste AI der Welt kann eine toxische Unternehmenskultur nicht reparieren. Im Gegenteil: Sie wird sie verstärken. Investitionen in Technologie müssen von Investitionen in Kommunikation, Vertrauen und menschliche Entwicklung begleitet werden.

Die Wahl liegt bei uns

Agentic AI ist weder Heilsbringer noch Unheilsbote. Sie ist ein Verstärker. Sie macht das, was wir sind und tun, schneller und sichtbarer – im Guten wie im Schlechten.

Wenn wir dysfunktionale Prozesse automatisieren, werden sie nicht besser, sondern katastrophaler. Wenn wir Führungsverantwortung an Algorithmen abgeben, verlieren wir nicht nur Kontrolle, sondern auch Menschlichkeit. Wenn wir Geschwindigkeit über Sinnhaftigkeit stellen, bewegen wir uns zwar schneller – aber möglicherweise in die völlig falsche Richtung.

Die Frage ist nicht, ob wir Agentic AI nutzen sollten. Die Frage ist, ob wir reif genug sind, sie weise zu nutzen.

Und die bisherigen Anzeichen? Sie sind nicht besonders ermutigend. Alles deutet darauf hin, dass wir dabei sind, unsere Probleme nicht zu lösen, sondern sie zu beschleunigen. Es sei denn, wir halten inne, denken nach und beginnen, die richtigen Fragen zu stellen.

Die Zukunft der Arbeit wird nicht von künstlicher Intelligenz bestimmt – sondern davon, ob wir den Mut haben, unsere menschliche Intelligenz wieder einzusetzen.

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Rainer Kolm

… arbeitete als Bereichsleiter und Geschäftsführer in unterschiedlichen Branchen wie dem Handel, dem Tourismus, der Telekommunikation und in der Beratung. Seit 2010 ist Rainer Kolm Inhaber des Instituts für Customer Experience Management (i-CEM) und berät Unternehmen und Institutionen in den Themen Kundenservice und Customer Experience Management

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