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Rainer Kolm3 Minuten Lesezeit

Die eigentliche Disruption ist nicht KI im Contact Center, sondern KI vor dem Contact Center

Die eigentliche Disruption ist nicht KI im Contact Center, sondern KI vor dem Contact Center
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Viele Unternehmen investieren derzeit Millionen in KI Software für den Customer Service. Sie implementieren Chatbots, automatisieren Prozesse und statten Mitarbeitende mit KI-Assistenten aus. Das Ziel ist klar: Kosten senken, Bearbeitungszeiten verkürzen und die Kundenzufriedenheit erhöhen.

Doch während sich die Aufmerksamkeit auf die Optimierung des Contact Centers richtet, vollzieht sich eine weit größere Veränderung an anderer Stelle.

Die eigentliche Disruption findet nicht im Kundenservice statt. Sie findet vor dem Kundenservice statt.

Der neue erste Ansprechpartner

Vor wenigen Jahren war die Customer Journey relativ vorhersehbar. Wer eine Frage hatte, besuchte die Website des Unternehmens, suchte in den FAQs oder griff direkt zum Telefon.

Heute sieht die Situation anders aus.

Ein Kunde mit einer Frage zu einem Produkt, einer Rechnung oder einer technischen Störung öffnet immer häufiger ChatGPT, Perplexity oder ein anderes KI-System. Dort erhält er innerhalb weniger Sekunden eine Antwort, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung oder eine Zusammenfassung relevanter Informationen.

Wenn das Problem gelöst wird, entsteht für das Unternehmen überhaupt kein Servicekontakt mehr.

Der Kunde ruft nicht an. Er schreibt keine E-Mail. Er eröffnet kein Ticket.

Aus Sicht des Unternehmens hat dieser Vorgang nie stattgefunden.

Die unsichtbare Kontaktvermeidung

Klassische Kennzahlen im Kundenservice messen Anrufe, E-Mails, Chats oder Tickets. Unternehmen wissen relativ genau, wie viele Kontakte eingehen und welche Themen die Kunden beschäftigen.

Was sie jedoch kaum messen können, sind die Kontakte, die nie entstehen.

Genau hier entsteht eine neue Form der Kontaktvermeidung: Kunden lösen ihre Anliegen eigenständig mithilfe von KI-Systemen, bevor sie überhaupt einen offiziellen Servicekanal nutzen.

Das bedeutet, dass ein sinkendes Anrufvolumen künftig nicht nur auf bessere Prozesse oder erfolgreiches Self-Service-Angebot zurückzuführen sein kann. Es kann ebenso bedeuten, dass Kunden ihre Antworten außerhalb der Unternehmenswelt finden.

Warum das eine strategische Herausforderung ist

Für viele Organisationen war die eigene Website bislang die wichtigste Informationsquelle für Kunden. Suchmaschinen fungierten als Vermittler, führten Nutzer aber letztlich auf die eigenen Inhalte.

Große Sprachmodelle verändern diese Logik grundlegend.

Die Antwort wird zunehmend direkt geliefert. Der Weg zur Unternehmenswebsite wird kürzer oder entfällt vollständig.

Dadurch verlieren Unternehmen einen Teil der Kontrolle über die Kundeninteraktion. Sie bestimmen nicht mehr allein, welche Informationen ein Kunde zuerst sieht, wie diese erklärt werden oder in welchem Kontext sie erscheinen.

Die neue Frage lautet deshalb nicht mehr:

„Wie viele Kunden besuchen unsere FAQ-Seite?“

Sondern:

„Welche Antworten erhält ein Kunde über KI-Systeme, wenn er nach unserem Unternehmen, unseren Produkten oder unseren Dienstleistungen fragt?“

Von SEO zu LLM-Optimierung

In den vergangenen zwanzig Jahren haben Unternehmen gelernt, ihre Inhalte für Suchmaschinen zu optimieren.

Nun entsteht eine neue Disziplin.

Wer in Zukunft sichtbar bleiben will, muss verstehen, wie KI-Systeme Informationen finden, interpretieren und weitergeben. Produktinformationen, Dokumentationen, Hilfeseiten und Wissensdatenbanken werden damit nicht nur für Menschen relevant, sondern auch für Maschinen.

Die Qualität dieser Inhalte entscheidet zunehmend darüber, welche Antworten Kunden erhalten.

Die Hotline der Zukunft

Paradoxerweise wird der Kundenservice dadurch nicht unwichtiger, sondern wichtiger.

Denn die Anfragen, die künftig noch beim Unternehmen ankommen, werden komplexer sein. Standardfragen werden immer häufiger automatisiert oder durch KI beantwortet. Übrig bleiben individuelle, kritische oder besonders beratungsintensive Anliegen.

Für Service-Organisationen bedeutet das einen Wandel der Rolle.

Die Zukunft des Kundenservice liegt weniger in der Beantwortung einfacher Fragen und stärker in der Lösung komplexer Probleme, im Aufbau von Vertrauen und in der Bearbeitung von Situationen, die sich nicht standardisieren lassen.

Die neue Kennzahl

Unternehmen messen heute Conversion Rates, Net Promoter Scores und Call Volumes.

In Zukunft könnte eine weitere Kennzahl an Bedeutung gewinnen:

Wie viele Kunden lösen ihr Anliegen über externe KI-Systeme, ohne jemals mit dem Unternehmen in Kontakt zu treten?

Wer diese Entwicklung ignoriert, riskiert, einen immer größeren Teil der Customer Journey aus den Augen zu verlieren.

Denn die wichtigste Veränderung im Kundenservice findet möglicherweise nicht mehr im Contact Center statt.

Sondern lange bevor das Telefon überhaupt klingelt.

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Rainer Kolm

… arbeitete als Bereichsleiter und Geschäftsführer in unterschiedlichen Branchen wie dem Handel, dem Tourismus, der Telekommunikation und in der Beratung. Seit 2010 ist Rainer Kolm Inhaber des Instituts für Customer Experience Management (i-CEM) und berät Unternehmen und Institutionen in den Themen Kundenservice und Customer Experience Management

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